Die Sicht der Dinge

Wer, wie ich, bedürfnisorientiert, belohnungsbasiert und (wirklich) ohne Strafen und/oder Druck arbeitet, ist oft mit Vorurteilen konfrontiert. Die Bemerkungen und Blicke sind nicht immer freundlich, wenn der Hund „doof tut“ und wir nicht reagieren, bzw. das Verhalten nicht mit Strafen, Schimpfen oder Leinerucken unterbrechen, wie es viele von uns erwarten würden.
Aber es gibt sie eben immer mehr, die Menschen, die unsere sanfte Art des Trainings anpricht.
Heute war ich mit Amira in Willisau. Wir üben im Moment ziemlich daran, dass ihre Erstreaktion bei Aufregung nicht immer gleich „bellend in die Leine rennen“ ist. Also zog ich mit Keksen, Clicker und Bodentarget bewaffnet los. In Amiras Tempo sind wir langsam vom Zehntenparkplatz (direkt vor dem Städtli) durchs Tor in die mittelalterliche Stadt geschlendert. Ganz viel schauen, ab und zu den grusligen Menschen ausweichen (sind ja nicht alle gruslig 🤷🏻‍♀️ - aber zum Glück kann Amira mir mittlerweile zeigen, wo wir ausweichen müssen und wo wir vorbeigehen können) - und gaaaaaanz viiiiel belohnen für ruhiges Beobachten.
Vor der Kirchentreppe ist ein Platz, wo einige Parkmöglichkeiten sind - man aber auch supergut in viele Richtungen ausweichen kann. Also habe ich dort meine Bodentargets platziert und wir haben bisschen Targettraining gemacht. Zwei Autos fuhren vor - und ich bin mal mit dem Mäuschen ausgewichen - weil Menschen, die aus dem Auto steigen, sind irgendwie gruslig 😜.
In einem Auto sass eine Frau, die uns nach dem Parkieren erst einen Moment lang beobachtete, dann erst stieg die ältere Dame (wir nennen sie mal einfachheitshalber Vreni) aus und kam dann schnurstraks auf uns zu. Amira musste natürlich erst schimpfen, denn Menschen, die so auf sie zugehen, sind - ihr habt es erraten - gruslig. Ich ging in die Hocke, rief Amira zu mir und sie drückte sich an mich, während ich mit Vreni sprach, und musste ab und zu bellen. Ich belohnte während des Gesprächs immer wieder Amiras ruhiges Verhalten. Vreni erzählte mir, sie habe auch einen Pudel (aber viel kleiner und in anderer Farbe), die sei auch eher unsicher. Nach einem kurzen Schwatz, ging sie zur Parkuhr, und als ich mich aufrichtete, musste Amira erst an mir hochstehen - es war noch zu früh fürs Aufrichten, sie brauchte noch meine unmittelbare Nähe. Also ging ich nochmal in die Hocke und Amira stand dann mit den Pfoten auf meinen Schultern da, drückte ihr Köpfchen unter mein Kinn und tauchte kurz mal aus der Welt aus, während ich ihr erzählte, wie toll sie das alles gerade macht. Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, wie die ältere Dame uns zusah, beachtete sie aber nicht weiter, da ich mich aufs Mäuschen konzentrierte. Nach einem Weilchen gingen das Pudelinchen und ich dann gemeinsam zur grossen Kirchentreppe, setzten uns hin und beobachteten zusammen das Geschehen im Städtli - und ich bemerkte, wie die Dame noch einen Moment zusah und dann ging.
Wir sind einen Moment lang dort gesessen, Amira und ich, und haben in aller Ruhe einfach nur beobachtet. Ich sass auf der Treppe, Amira direkt neben mir, dicht an mich gedrückt. Sie beobachtete mit meiner Rückendeckung ruhig und interessiert, was um sie herum geschah.💖
Und nach einem Weilchen tauchte unsere nette Dame wieder auf. Sie kam wieder auf mich zu und meinte: „Das lässt mir jetzt einfach keine Ruhe, ich musste meinen Einkauf abbrechen. Es ist so schön, wie du das mit deinem Hund machst… Ich muss mich einfach nochmal mit dir unterhalten.“ 😊
Und wir haben uns unterhalten, darüber, wie Vrenis Hund so ist, wie ich das mit Amira mache, wie wenig Sinn es machen würde, mit Druck zu arbeiten, wenn das Mädel ja eh aufgeregt ist und sich zum Teil fürchtet - und ich habe eine neue Kundin gewonnen 💪🏻
Was ich daran so toll finde? Die Dame hat das gesehen, was wichtig war: Einen Hund, der aufgeregt ist, aber Zeit kriegt zu lernen, zu beobachten. Einen Hund, der ernst genommen wird. Einen Hund, der Support erhält. Einen Hund, der mit Unterstützung über sich hinauswachsen darf. Einen Hund, dessen Geschimpfe ernst genommen und nicht einfach "abgestellt" wird.
Was andere in solchen Situationen häufig sehen: Einen bellenden Hund; einen Hund, der nicht an lockerer Leine geht; einen Menschen, der mit seinem Hund ausweicht, statt in die Situation reinzugehen; einen Menschen, der nur seeeehr langsam mit seinem Hund vorwärts kommt; einen Hund, der „respektlos“ an seinem Menschen hochsteht - und einen Menschen, der dauernd Kekse gibt! 😱
Und deshalb finde ich es soooo wundervoll, dass Vreni sich davon nicht ablenken liess, sondern dahinter geschaut hat. Es gibt sie also doch, die Menschen, die sich davon angesprochen fühlen. Am Schluss, als die Dame sich verabschiedete, meinte sie zu Amira: „Du wirst so geliebt!“ Das hat mich so berührt 💖 Und es ist soooo wahr - auch wenn es mit Amiras "Gefühlsausbrüchen" nicht immer einfach ist: Sie ist auf ihre ungestüme, lebensfrohe und quirlige Art perfekt - genau so, wie sie ist...
Nun liegt sie da, die kleine, süsse Pudelmaus - und verarbeitet das Erlebte… Und ich bin so unendlich dankbar, dass ich diese Form des Trainings gefunden habe - vor vielen vielen Jahren - und stolz bin ich auch - auf mich, auf Amira, auf uns als Team.